Die Bodenmöser bei Isny zählen zu den artenreichsten und zugleich sensibelsten Moorlandschaften im Westallgäu – ein idealer Ort, um jungen Menschen die Wunder der Natur näherzubringen. Vom 4. bis 8. Mai 2026 fand dort in Zusammenarbeit mit ForstBW (Forstbezirk Oberland) eine ganze Bildungswoche statt, organisiert von Naturvielfalt Westallgäu. Das Interesse war riesig: Die Woche war so schnell ausgebucht, dass noch vier Zusatztermine angeboten werden mussten.
In der eigentlichen Bildungswoche nahmen vier Klassen der Grundschule Isny sowie eine neunte Klasse der Verbundschule Isny teil.
Vom Kiesbett zum Lebensraum
Einer der faszinierendsten Programmpunkte der Woche war der Besuch einer ehemaligen Kiesgrube am Eisenberg, die ForstBW in ein wertvolles Trockenbiotop verwandelt hat. Durch gezielte Auflichtung – also die Entfernung von Gehölzen und die Schaffung offener, besonnter Flächen – entstand dort neuer Lebensraum für eine ganze Reihe wärme- und lichtliebender Arten.
Trocken, karg – und artenreich!
Solche Trockenbiotope gehören zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas, obwohl – oder gerade weil – sie auf den ersten Blick karg wirken. Für die Kinder war es ein eindrucksvolles Erlebnis zu sehen, wie aus einer Abbaufläche durch naturnahe Renaturierung ein Refugium für bedrohte Tier- und Pflanzenarten werden kann:
- Insekten wie Wildbienen, Heuschrecken, seltene Käferarten und Tagfalter finden in der offenen, sonnenexponierten Fläche ideale Bedingungen – lockerer Boden für Bodennister, wärmespeichernde Steine als Sonnplätze.
- Amphibien wie die Gelbbauchunken nutzen die flachen, sich schnell erwärmenden Pfützen und Mulden als Laichgewässer.
- Reptilien wie die Waldeidechse – eine Charakterart der Trockenbiotope – sonnen sich auf Totholz und Steinhaufen und profitieren von der kurzen, strukturreichen Vegetation.
Neben dem Thema Renaturierung stand auch ein Exkurs in den Wald auf dem Programm. Die Forstleute von ForstBW erläuterten, welche Rolle nachhaltige Waldwirtschaft für den Erhalt der Artenvielfalt spielt – und wie sich der Klimawandel auf die Wälder im Allgäu auswirkt.
Das Team von Naturvielfalt Westallgäu brachte zwei Themen mit, die die Kinder von Anfang an begeisterten: den Biber und die Vögel der Bodenmöser.
Der Biber kehrt zurück
Der Biber ist nach seiner erfolgreichen Wiederansiedlung auch im Westallgäu wieder heimisch. Mit seiner Fähigkeit, Landschaften durch den Bau von Dämmen und Burgen grundlegend zu verändern, ist er ein echter Ökosystem-Ingenieur. Seine Teiche stauen Wasser auf, schaffen Feuchtlebensräume und erhöhen die Artenvielfalt. Was für manche Landwirte eine Herausforderung ist, ist für Moore und Feuchtgebiete ein Segen. Die Kinder lernten, die charakteristischen Spuren des Bibers zu lesen: angenagtes Holz, Erdbauten, Fraßspuren und Wechsel.
Brutvögel beobachten
Zwei Fernrohre eröffneten den Kindern Einblicke in eine Welt, die dem bloßen Auge meist verborgen bleibt: die Brutvögel der Bodenmöser.

Gleich zwei Schwarzkehlchen waren dabei zu beobachten, wie sie emsig Nahrung für ihre Jungen sammelten. Die Bodenmöser mit ihrem Wechsel aus Streuwiesen, Hochstaudenfluren und halboffenen Flächen bieten diesem Insektenjäger ideale Brutbedingungen, die in der ausgeräumten Agrarlandschaft sonst immer seltener werden.
Auch ein Neuntöter (Lanius collurio) ließ sich blicken. Dieser markante Würger ist bekannt für seine ungewöhnliche Vorratshaltung: Er spießt überzählige Beutetiere – Heuschrecken, Käfer, kleine Mäuse oder Eidechsen – auf Dornen oder Stacheldraht auf, um sie für schlechtere Zeiten zu sichern. Auch der Neuntöter gilt als Indikator für strukturreiche, extensiv genutzte Landschaften – sein Vorkommen in den Bodenmösern ist ein gutes Zeichen.
Natur erleben und verstehen
Für viele der Kinder war es das erste Mal, dass sie ein Schwarzkehlchen durch ein Fernrohr beobachten, die Fraßspuren eines Bibers anfassen oder inmitten eines blühenden Trockenbiotops stehen konnten. Genau das ist der Kern dieser Bildungsarbeit: Natur nicht nur zu kennen, sondern sie zu erleben – mit allen Sinnen, direkt vor der Haustür.
Unser Dank gilt dem Team von ForstBW / Forstbezirk Oberland für die tolle Zusammenarbeit, den engagierten Lehrerinnen und Lehrern der beteiligten Schulen sowie allen Kindern, die mit so viel Neugier und Begeisterung dabei waren.
Naturvielfalt Westallgäu setzt sich für den Schutz und die Entwicklung der einzigartigen Moorlandschaften und Lebensräume im Westallgäu ein – und für eine Bildungsarbeit, die die nächste Generation für dieses Naturerbe begeistert.
Weitere Infos und Veranstaltungen: https://naturvielfalt-westallgaeu.de/veranstaltungen

